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Hagen Rether Kleinkunstpreis 2008 Zitate
Hagen Rether, Träger des Kleinkunstpreises für Kabarett 2008.
Auf oase-kamenzer-strasse.de/ habe ich eine Textabschrift des Beitrags gefunden, welcher auch z.B. bei YouTube zu sehen ist. Der Text ist so krass, dass er Kultstatus bekommen könnte.
Schlaf, Kindchen, schlaf... hm hm hm .... weiß auch nicht, wie´s weiter geht. Keine Ahnung. Man weiß ja so wenig.
Aber was interessiert´s uns? Man weiß ja so wenig. So wenig.
Die haben rausgekriegt, es gibt in Nordafrika einen Nomadenstamm, der nennt sich jetzt genau so wie ein Modell von VW. Das sind arme Teufel. Die haben nicht mal einen eigenen Namen.
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Hier gehts weiter:
Wahrlich ich sage Euch: Um das Jahr 2000 wird ein ganzer Kontinent aus der Weltgeschichte rausgefallen sein. Gemessen an dem, was sich in Afrika zusammen braut, sind die Golfkriege und der Nahostkonflikt wie ein Nürnberger Christkindelmarkt.
Aber man weiß so wenig.
Mexiko? Keine Ahnung. Ich habe gehört, in Mexiko können sie ihr täglich Brot nicht mehr backen. Die Tortillas sind so teuer, weil der Mais-Preis so hoch ist. Weil wir hier Bio-Diesel tanken wollen. „Du, verdammt, das Erdöl geht langsam aus. Was tanken wir morgen?“
„Hm, lass uns doch jetzt mal äh ... Lebensmittel vertanken.“
„Super Idee. Aber nicht unsere Lebensmittel. Deren Lebensmittel“
„Ja klar, war ja auch deren Erdöl.“
Keine Ahnung. Cuba. Keine Ahnung von Cuba. Zwei Männer. Einer ist krank.
Im Sommer habe ich eine schöne Dokumentation gesehen. Im Kino.
Über das Leben von Fidel Castro. „Fluch der Karibik“. Großartig.
Toll recherchiert. Großartig.
Tja, wir leben eben in der Volvo- Werbung. Das ist herrlich.
Gemütlich. Die Kinder heißen heute Kids. Und tragen wieder
Che Guevara- T- Shirts. Wissen zwar nicht, wer Che Guevara war ...
„Weißt du, wer Che Guevara war?“
„Che Guevara? Der hat doch den Latte Macciato erfunden.“
Natürlich. Wir leben in einer Volvo- Werbung.
Wir haben auch Darmbakterien im Joghurt. Absichtlich. Zu Gast bei Freunden.
Wir glauben auch alles. Wir glauben, dass in Kinderschokolade das Wertvollste aus einem Viertelliter Milch ist. Und Fleisch ist ein Stück Lebenskraft. Ja, klar. Aber für wen?
So ist das in der Volvo-Werbung.
Die kleine Vanessa simst sich ihre kleine Seele aus ihrem kleinen Körper, Mutti lackiert sich mit Katjes zwischen den Zähnen die Nägel und will so bleiben, wie sie ist. Vati verspekuliert sich am neuen Markt und surft nachts heimlich und traurig im Internet nach
Pornobildchen.
„Vanessa! Wenn du jetzt nicht sofort mit der Scheiß-Simserei aufhörst... Du kommst ins sms-Kinderdorf.“
Tja, man weiß ja so wenig.
Mit 12 Jahren bist du in Asien zu alt zum Teppich-Knüpfen für IKEA, weil die Finger zu dick werden. Darfst aber erst mit 14 bei Nike anfangen mit Turnschuhe kleben. Da entsteht eine Versorgungslücke von zwei Jahren. Die meistens durch Prostitution gestopft wird.
O Herr, wir wissen nichts von Sklavenhandel mit Kindern, Zerstörung ganzer Volkswirtschaften durch Börsen- Spekulationen und Umweltkatastrophen durch Ressourcen- Ausbeutung.
Herr, wir wissen nichts von Hermes- Bürgschaften für Staudämme und Turnschuhproduktionen in Südostasien.
Herr, die meisten von uns sind froh, wenn sie sich ihr Auto-Kennzeichen merken können.
Wir kennen ja noch nicht mal unsere Blutgruppe.
Herr, wir sind so degeneriert, dass wir im Schlussverkauf nicht bezahlen können, weil wir die vierstellige EC-Karten-Nummer vergessen haben.
Herr, wir sind so hohl, wie wir voll sind.
Die anderen hoffen auf Frieden, und wir hoffen, dass man uns im Urlaub nicht entführt. Die haben Angst, dass ihre Kinder verhungern, und wir haben Angst, dass unser Deo versagt. Und dass man uns beim Telefonieren im Auto erwischt.
Herr, wir kaufen ihre Frauen, und behaupten, sie würden uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen.
Herr, die Beichtväter sind die Steuerberater geworden und UNICEF ist unser Ablasshandel. Herr, mach hoch die Tür, die Tor mach zu und die Mauern dick. Denn es kommt ein Heer von wütenden kleinen Analphabeten und Hungerleidern über uns.
Die Tutsi und Hutu werden sich gemeinsam gegen uns verschwören, die nikaraguanischen Kaffee- Bauern und die Ziegenhirten aus Kaschmir, und die kampferprobten Kindersoldaten aus Sierra Leone, sie alle werden kommen und uns hinwegfegen wie El Nino.
Sie werden uns mit Basmati-Reis bewerfen. Und mit Wildreis. Und mit Langkornreis. Und mit Duftreis. Und mit Milchreis. Und mit Uncle Bens Beutelreis. Und mit ... Puffreis.
Sie werden in unseren Hobby-Kellern Darts spielen und in unseren Swinger-Clubs swingen. Sie werden auf unseren IKEA-Möbeln gammeln, Cohibas rauchen, Darjeeling schlürfen und „Wer wird Millionär“ gucken. Herr, sie werden mit unseren Geländewagen im Stau stecken und über die Öko-Steuer fluchen.
Herr, wie kriegen wir in ihren Dritt-Welt-Schädel rein, dass Du, o Herr, ein Aufsichtsrats-Vorsitzender bist?
Machen wir es uns gemütlich vor dem Herren. Lasset uns beten.
Vater unser, der du bist im Himmel, gereinigt werde dein Name.
Wir sind steinreich. Unser Wille geschehe. Wie im Irak also auch in Afrika. Deren täglich Brot gib uns heute. Und vergib Du ihnen doch ihre Schulden. Wie auch wir vergeben unsere Kredite. Und führe keine Untersuchung. Sondern gib die Erlöse uns von den Börsen.
Denn wir sind reich, haben die Kraft und die Herrlichkeit.
Und die, die bleiben immer die: in Ewigkeit... Armen.
Das Video:
Ich selbst war 2008 bei einer Hagen Rether Vorstellung in Karlsruhe (Dauer 3.5 Stunden!), es war echt gut. Einige Statements haben mich dieses Jahr doch dazu gebracht, mehr über verschiedene Themen und Standpunkte nachzudenken.
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